’n Abend!
Endlich habe ich mal wieder Ruhe und Gelegenheit, etwas zu schreiben. Die letzte Mail ist schon wieder eine volle Woche her – enorm, wie die Zeit vergeht. Heute sind wir genau fünf Wochen unterwegs und langsam lässt auch das Gefühl nach, gerade erst angekommen zu sein. Meine Fotogeschwindigkeit reduziert sich auch deutlich: Viele Dinge sind für uns hier selbstverständlich geworden, die in Deutschland eher ungewöhnlich sind.
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- Hochhausscheibchen in Saigon
Saigon
Selbst in Saigon sind wir immer problemlos und schnell über jede Straße gekommen, obwohl der Verkehr dort wirklich extrem dicht ist. Es gibt Bedenken, die Verkehrsdichte könnte in den nächsten Jahren noch zunehmen – ich habe keine Vorstellung davon, wie das möglich sein sollte. Es passen einfach nicht mehr Motorroller auf die Straßen, die Zwischenräume zu allen Seiten sind schon heute minimal, in den Stoßzeiten zwangzig bis maximal fünfzig Zentimeter. Es ergibt ein sehr beeindruckendes Gesamtbild, wenn eine Straße, die bei uns für acht Autospuren reichen würde, vollständig mit fast gleichartigen Motorrollern gefüllt ist und die gesamte Menge ähnlich wie Wasser in einem Fluss vorwärts strömt und Hindernisse umspült. Besonders spektakulär sind dann die grossen Kreuzungen. Dort treffen sich drei, vier oder mehr dieser großen Straßen, alles strömt durcheinander, aber irgendwie ergibt sich eine große Ordnung, alles hat tatsächlich Ähnlichkeit mit fließendem Wasser.
Vietnam haben wir, genau wie schon Kambodscha, maßlos unterschätzt. Trotz zahlreicher Reiseberichte und mehrerer Gespräche mit Leuten, die schon einmal in den Ländern waren, hatten wir vor der Abreise immer noch keine wirklich konkrete Vorstellung davon, was uns erwarten würde. Wir hatten ernsthaft Bedenken, ob wir nicht vielleicht jeweils zu viel Zeit eingeplant hätten! Alleine für Saigon und das Mekongdelta haben wir schon zehn Tage gebraucht, ein volles Drittel unserer Visalaufzeit. Im Moment überlegen wir sehr genau, ob es überhaupt Sinn macht, den Norden anzufangen und ob wir nicht lieber die Südhälfte richtig besuchen sollten. Von hier nach Hanoi, zu einem der wichtigsten Nationalparks und zurück zur Grenze nach Laos bedeutet mehr als 35 Stunden reine Fahrzeit, das ergibt mit den Bussen hier fünf oder sechs reine Fahrtage – es bleibt kaum mehr Zeit für das Land.
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- koloniale Altstadt von Saigon
Saigon ist insgesamt eine sehr lohnende und relativ angenehme Stadt. Die einzelnen Sehenswürdigkeiten sind zwar alle nicht sooo beeindruckend und einmalig, aber das Gesamtbild und die Atmosphäre der Stadt sind etwas besonderes. Ganz im Gegensatz zu Phom Penh oder auch zu Bangkok gibt es schöne, erstklassig gepflegte Parks und auch Freibäder in der Stadt. Auf den Straßen ist es laut und hektisch, aber man kann zwischendurch mal eine Auszeit nehmen, so bleibt es trotzdem erträglich und die Stadt wird ein Erlebniss statt einer Qual. Das es hier auch wieder Eis gibt, hatte ich schon erwähnt. Es gibt hier sogar Eisdielen, einige mit Fabrikeis, einige aus eigener Herstellung. Ich muss unbedingt noch Durian-Eis oder Klebreis-Eis probieren!
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- amerikanische Waffen
Sehr interessant war vor allem das „Museum der amerikanischen und chinesischen Kriegsverbrechen“. Es heißt mittlerweile etwas neutraler „Museum der Kriegsverbrechen“, aber der Tenor bleibt der gleiche. Es werden viele Fotos aus dem Vietnamkrieg gezeigt und Fakten aufgelistet, die den Kriegsverlauf einmal aus der Sicht des Vietcong erzählen. Die meisten Fälle sind anhand von Fotos westlicher Journalisten und durch westliche Zeitschriftenartikel dargestellt, wohl damit es glaubwürdiger rüberkommt. Vieles davon kannte ich schon, aber die Zusammenstellung ist schon sehr gut gelungen. Im Hof gibt es dann viele amerikanische Waffen, Minen, Bomben und Clusterbomben zu sehen. So eine 3000-Pfund-Bombe ist wirklich groß.
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- Tunnel von Cu Chi
Und die passenden Krater, die diese und andere Bomben hinterlassen, gibt es im Original 70km nördlich bei Cu Chi zu sehen. Dort haben die Nordvietnamesen Tunnelsysteme angelegt, die die Amis trotz unglaublichem Aufwands nie wirklich in den Griff bekommen haben. Die haben sogar eine Kaserne mitten auf schon vorhandenen Vietcong-Stellungen angelegt und sich dann gewundert, warum immer wieder nachts Soldaten umgekommen sind… Die Tunnel sind heute so etwas wie ein Nationalheiligtum und Wallfahrtsort, der den „Widerstandswillen des vietnamesischen Volkes gegen den imperialistischen Agressor“ dokumentiert. Der offizielle Sprachgebrauch hier ist übrigens mit das Aufschlussreichste am Kriegsmuseum. Die Südvietnamesische Regierung wird immer konsequent „Puppet-Regime“ genannt, gesteuert von „the american agressor“. Inhaltlich haben sie zwar in den meisten Punkten recht, aber der Vollständigkeit halber sollten sie dann vielleicht auch etwas zu dem eigenen Verhalten nach der „Befreiung“ Südvietnams sagen. Die Säuberungs- und Racheaktionen und die Boatpeople scheint es nie gegeben zu haben und müssen wohl eine Erfindung der westlichen Medien sein. Der Ostblock lebt immer noch.
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- Der Ostblock existiert noch
Recycling auf vietnamesisch
Ansonsten wirkt dieses Land hier allerdings kaum sozialistisch. Es gibt zwar Straßen oder Stadtviertel, die aussehen, als hätte sie ein DDR-Städteplaner in den siebzigern geplant und die Russen sie dann gebaut (und vermutlich ist auch tatsächlich genau so abgelaufen), aber oft sind davon nur noch verfallende Ruinen über und nebenan sind mittlerweile richtige Häuser entstanden. Gebäude werden hier übrigens, wie auch sonst fast alles, in reiner Handarbeit abgerissen. Da sitzen dann Leute mit Hammer und Meissel auf gammeligen Betonskletten und klopfen die Brocken vom Stahl. Die Stahlteile zerlegt dann jemand mit dem Schneidbrenner oder der Eisensäge, abtransportiert wird dann mit LKWs. Kabel schnappen sich die Kabel-Stripper, die dann von Hand die Isolierungen von Kupfer pfriemeln und wohl vom Metallverkauf leben. Ähnlich läuft es mit dem Holz und den Wasserrohren. Selbst bei den Betonbrocken bin ich mir nicht so sicher, ob die Arbeit von einem bezahlten Abrissunternehmen geleistet wird oder ob dass nicht auch einfach Leute sind, die vom Verkauf des Materials leben und quasi umsonst arbeiten. Die Recyclingquote scheint hier jedenfalls sehr, sehr hoch zu sein, fast nichts wird weggeschmissen.
Zwar schmeißen die meisten Leute ihren Müll einfach auf die Straße, aber es findet sich immer jemand, der ihn wieder aufsammelt, sortiert und verkauft. Es gibt hier eine Straße wo die ganzen Müllsammler große Haufen anlegen: Pappe, Papier, Zeitungen (aktuell und alt getrennt), kleine Plastikfolien, Plastiktüten, Glasflaschen, Plastikflaschen, Plastikflaschenverschlüsse. Es gibt sogar jemanden, der die Versiegelungsringe von den Plastikflaschen schneidet und sie zu den Verschlüssen sortiert. Die Folienschnipsel werden (von Hand) in Bottichen gewaschen und getrocknet: Einzeln auf eine Leine gehängt, mit Wäscheklammern!
Überall gibt es Läden, die verschlissene Sitzpolster der Motorroller wieder aufarbeiten oder gesprungene (Kunststoff-)verkeidungen der Roller wieder flicken, neu lackieren und wieder fein säuberlich mit den Original- beschriftungen versehen.
Technikkönige
Es gibt in fast jeder Straße wenigstens ein Geschäft, das elektronische Geräte repariert. Meistens Fernseher und Musikanlagen, aber viele kümmern sich auch um Monitore, Computernetzteile, Mainboards, sogar CDROM-Laufwerke werden wieder aufgearbeitet. Richtig auf Bauteilebene, mit Fehlersuche und Neujustage, und das ohne 500 MHz-Speicheroszi und Herstellerdokumentationen – sehr beeindruckend. Wer einen wirklich fähigen Elektronik- Servicetechniker sucht, sollte sich mal in Vietnam umsehen.
noch mehr Recycling
In dieser Gegend ließen sich vermutlich noch viele, viele gute Geschäfte machen. In Phnom Penh waren wir in einem Laden, der gebrauchte Computer containerweise aus Japan importiert und in Kambodscha wieder vertickt. 15″-Monitore kosten hier ca. 20 bis 40 US-Dollar, 17er ca. 50-80$. In Deutschland müssen die Firmen ca. 20$ für die Entsorgung eines 15-Zöllers zahlen, da müsste sich doch etwas machen lassen. Mit Computern sieht es ähnlich aus, 133er bis 400er Pentiums verkaufen sich hier prima und sind in Deutschland kaum noch absetzbar. Wieviele Computer passen eigentlich in einen 20′-Container und was kostet der Transport nach Asien? Auf dem Hinweg neue Computer von Taiwan nach Europa, auf dem Rückweg alte nach Vietnam und Kambodscha, das macht doch Sinn, oder? (Nein, keine Sorge, ich plane noch nicht konkret, in das Import/Export- Geschäft einzusteigen. Aber logisch klingt es schon, oder?)
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- In einer Ziegelei
Die alten Römer
Zurück vom Geschäft zur Landschaft. Wir waren für drei Tage im Mekong-Delta unterwegs und haben auch wieder viel Handarbeit gesehen. Herstellung von verschiedenen Süßigkeiten, Räucherstäbchen, Ziegeln, Tontöpfen: Alles komplett von Hand. Besonders beeindruckend fand ich die Ziegelei, exakt so muss es bei den Römern zugegangen sein. Der Ton wird von Hand gestochen, mit kleinen Booten transportiert, von Hand ausgeladen und portioniert. Dann kommt die einzige Maschine zum Einsatz, das Strangpressen der Hohlziegel. Danach von Hand in der Sonne zum Trocknen stapeln, umschichten, einsammeln, im Ofen schichten, befeuern, ausräumen, aufs Schiff laden, entladen… Alles von Hand, jeder Ziegel einzeln. Es gibt weder Paletten noch Kisten, eine Schubkarre ist das höchste der Gefühle. Befeuert werden Ofen übrigen mit (von Hand verladenen) Reisspelzen. Ich hätte nie gedacht, dass der Heizwert davon für solche Anwendungen genügt, aber die Öfen scheinen relativ wenig Wärme zu verlieren, der Verbrauch hält sich in Grenzen. Eine Person alleine kann problemlos ein Dutzend Öfen im Auge behalten und mit Brennstoff versorgen.
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- Rätselbild: Was ist das?
Das Mekong-Delta selbst war natürlich auch sehr schön, ich habe geknipst wie ein Irrer. (Nebenbei: Falls ich euch demnächst einmal fragen sollte, ob ich euch schon die Urlaubsbilder gezeigt habe, antwortet besser immer mit „Ja, letzte Woche!“. Es wird sonst ein langer Abend werden 😉 Vom Delta kann ich wenig erzählen, das ist eine Sache von Bildern. Das Grün der Reisfelder, das Rot der Erde, die Ruhe der Dörfer – es ist insgesamt einfach schön. Alles sehr abgeschieden und ruhig, aber nicht hinter dem Mond.
Auf Birgits Rat hin haben wir eine der organisierten 3-Tages-Touren gebucht und haben festgestellt: Ja, es stimmt, das hätten wir alleine unmöglich so auf die Beine stellen können. Ich kann dieses „Wir treffen uns dann in 15 Minuten wieder am Bus“-Feeling solcher Rundfahren überhaupt nicht ausstehen, aber hier lohnt es sich. Trotzdem möchte ich noch einmal dort hin, dieses Mal auf eigene Faust, und alles das sehen, wo wir dieses Mal nur dran vorbeigefahren sind.
Der Gegenbeweis dazu war dann die Tour zu den Tunneln: nur zwei Stunden Zeit vor Ort sind um Längen zu wenig. Wir haben höchstens ein Drittel gesehen.
Urlaub vom Urlaub
Das trifft es wohl am Besten, was wir gerade hier erleben. Wir sind gestern mittag hier in Da Lat angekommen, eine kleine Stadt im Zentralen Hochland, ca. 300km nördlich von Saigon. Die Stadt wurde vor ca. 90 Jahren von den Franzosen als Feriendorf zur Erholung von der Tropenhitze gebaut und nennt sich auch „Stadt des ewigen Frühlings“. Ziemlich treffend, wie ich finde. Die Stadt liegt auf knapp 1500m Höhe in etwas hügeliger Umgebung. Es sieht hier aus, als hätte jemand das Beste von Südfrankreich, Korsika und den Tropen vermischt und daraus diese Gegend gebaut. Es sind hier tagsüber normalerweise um die 25 Grad, nachts um 15. Die Stadt sieht auch heute noch teilweise so aus, wie ein südfranzösisches Provinznest, die Landschaft drumrum besteht aus Seen, Flüssen und Kiefernwäldern. Nur dass zwischen den Wäldern auf den Feldern Bananen und Kaffee angebaut werden. Und Kartoffeln, Karotten, Salat, Bohnen, Artischocken – es gibt alles.
Ich muss Schluss machen, der Laden hier hat eigentlich schon seit 20 Minuten geschlossen, bis morgen. Dann verrate ich auch, warum die Überschrift heute Warmduscher heißt.
Michael